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Warum Casual Dating eine Flucht in das Vielleicht ist

Sie stach aus der Runde heraus. Zusammen gekniffen wanderten ihre Augen unter dem Zottelpony zum Gastgeber. „Woher kennst du ihn?“, fragte ich sie. Ihre Augen wichen aus, „Online“, kam gepresst. Ein Wort, einer Diskreditierung gleich. Später stellte sich heraus: Nicht nur sie, sondern noch drei weitere Frauen, mich eingeschlossen, kannten ihn über Tinder. Nur eine blieb unwissend und hatte Absichten, während der Gastgeber spielte und genoss.

Über Berliner Dating schwebt ein Menetekel der Unverbindlichkeit – sei es offline oder durch Apps und Portale wie Tinder, happn, OkCupid oder Finya. Gemein ist eine Angst vor Zugeständnissen und sich von Illusionen zu lösen. Denn, jeden Augenblick könnte eine interessantere, eine hübschere Person den freien U-Bahnsitz gegenüber einnehmen. Schließlich sind Optionen einen Klick, eine Wischbewegung entfernt. Wieso sich also festlegen? Anstatt ein Ja zu sehen, werden Ausflüchte gefunden. Von Bartwuchs bis Bezirk, Accessoires des Lebensstils müssen sich in das eigene Weltbild fügen.

Dem widersetzte sich Tim. Nach ungewöhnlich feinfühligen Chats, kündigte er an, seine Tinder-App zu löschen. Ich sei derart interessant, sagte er, dass er sich auf mich konzentrieren wolle – ohne App-Benachrichtigungen und gelegentliche Übernachtungsgäste mit Zahnbürste. „Damit ist der Blick nicht klar“, schrieb Tim. Ich fühlte mich ertappt. Es widersprach jedem Dating, das ich in Berlin kannte. Gleichzeitig prickelte es! Aus seinem Satz wurde eine Aussage mit Punkt – ohne relativierendes Smiley. Zurücknehmen, ausgeschlossen. Tims emotionale Verfügbarkeit machte mir Angst. Doch das Ende vor dem Anfang stand bereits im Drehbuch.

Eine Freundin, nennen wir sie Luise, deaktiviert regelmäßig ihr Profil auf einer kinky Seite. Eigentlich möchte sie doch mehr, hängt jedoch an Vergangenem. Zurück auf den „Aktivieren“-Button kommt sie immer. Mit Männern in offenen oder polyamourösen Beziehungen trifft sie sich nicht. Einmal brach Luise ihre Grundsätze. „Ich wusste, dass er gefährlich wird“, erzählte sie: „aber, es gibt eine Verbindung!“ Als seine Frau in den Urlaub fuhr, lebte Luise in seiner Wohnung. „Er will sich trennen, aber sie ist depressiv.“ Letztlich brach Luise den Kontakt ab. Die drauf folgende Männerabstinenz hielt eine Woche statt den angepeilten vier.

In Zeiten von Zahnspangen gab es nur ein Kreuz unter der Frage „Willst du mit mir gehen?“ Mit Anfang Zwanzig wachen wir auf und stellen fest: Zwischen dem Yay und Nay liegt die Schwerelosigkeit des Jetzt. Während ohne Wahlrecht alles simpel schien, verfolgen nun Konsequenzen jede Option. Erwachsenwerden wird fälschlicherweise mit Endgültigkeit verwechselt – Sabotage ist einfacher. Und so flüchten sich Kreuzberg wie Neukölln in die Smileys des Vielleicht.

Dieser Text entstand als Kolumne im Sommer 2014

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Published in Berlin Beziehung Dating Kolumne Sex

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