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Sex ist die wahre Droge – und das hat einen Grund

„Sie steht enorm auf zuschauenlassen“, sagte ein Freund mir beim Biertrinken. „Deshalb sind wir mit dem Auto in einen Park. Dann habe ich sie auf der Motorhaube gefistet.“ Mit der Hand auf der Kehle könne seine Affäre besser kommen, wohl wissend um die Zuschauer. Erst dann lasse sie im Kopf den Alltag los.

„Sex is the destruction of the ego“ warf Liam eines Abends in die Runde, als wir an dem Drehbuch für einen Kurzfilm über Casual Dating saßen. Grenzenüberschreiten, sich in dem Vakuum entdecken und verlieren, das ist der Reiz an tabuarmem Sex. „Deshalb kreisen wir auch wie Motten um das Licht der pseudo-gesellschaftlichen Tabus“, sagte Liam. Bei ihm verschwimmen Grenzen, sei es von den Geschlechtern oder dem Switchen zwischen dominant und devot.

„Pass auf dich auf“, riet mir vergangenes Jahr ein Freund, „ich möchte nicht, dass du endest wie eine Freundin, die nur noch im Swingerclub kommen kann, wenn sie von mehreren Fremden angepisst wird!“ Seine Warnung hat nachgehallt. Frei in der Ektase zu sein hat Suchtpotential. Individuelle Tabus verschieben sich. Was früher undenkbar schien wird schnell zur Norm. Sex treibt dich weiter. Hinein in Nischen des Selbst, die einmal verschlossen waren. Doch König Drosselbart holt dich ein, wenn die Tür einmal geöffnet wurde. Der Flirt mit der inneren Grenze kann gefährlich werden.

Es ist nicht nur Reiz um die Gefahr und der Endorphin-Kick. Durch Fallenlassen entdeckt sich jeder neu: Zu merken, wie befreiend es ist benutzt und erniedrigt zu werden oder jemanden vorzuführen. Es bleibt ein emotionales Blankziehen und die Furcht vor der damit einhergehenden Verletzlichkeit. In Hanfseile gefesselt zu werden bringt Freiheit – wenn der Körper nur noch physisch ist und der Kopf das Denken abgibt. Doch, was, wenn der Spielpartner nicht auffängt?

Den Unterschied macht ein Partner. Nach fremden Parfüm riechend um fünf Uhr früh nach Hause zu kommen und umarmt werden – das ist eine Sicherheit, die kein Single haben kann. Somit kann sich mit der Droge Sex, die Suche nach Geborgenheit vermischen. Ein schales Gefühl diese Oberflächlichkeit. Sex kann mehr Verlorenheit als Lust bringen. Um emotional zu überleben, kommen urplötzlich neue Grenzen hinzu. Regeln, die vor der absoluten Ekstase schützen. Ja nicht dem Rausch verfallen wird Devise. Die Angst vor dem Danach dominiert das Davor.

Meine Grenze hat deshalb seit Langem wieder Bodenhaftung.

Dieser Text entstand als Kolumne im Sommer 2014

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Published in BDSM Berlin Beziehung Dating Kolumne Sex

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