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Es hat einen Grund, dass Trennungen so verdammt schmerzhaft sind

Tag sieben: Ich vegetiere zwischen Existieren und leben. Die Trennung hat mir den Genuss genommen. Essen scheint nicht notwendig zu sein, auch der Magen grummelt nicht. Insgeheim hoffe ich jetzt wenigstens die zehn Kilo zu verlieren, die ich in der Beziehung gegessen habe. Vielleicht schwinden mit ihnen auch der Schmerz und die Wut, die ich immer brav runter schluckte. Viel zu lange, bis ich vor sieben Tage nicht mehr konnte. Genauer vor zehn, den da fasste ich den Entschluss.

Überlebt hätte ich die Tage eins bis sieben nicht ohne meine Freunde – und den Wein und das Gras. Vorbildlich bin ich jeden Tag ausgegangen, habe mir meine neue Heimat Hamburg zeigen lassen und nachts eine Schlaftablette gegen das Kopfkino genommen.

An Tag eins dachte ich noch, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich vor der Trennung vor einen Zug gesprungen wäre. Der Zug, mit dem ich jedes Wochenende zu ihm fuhr, in der Hoffnung diese masochistische Beziehung am Leben zu erhalten. Vielleicht hätte er dann um mich getrauert, denn nach der Trennung tat er es nicht. Er fühlte sich befreit, obwohl er kaum etwas getan hatte. Selbst trennen konnte er sich nicht, sondern schwieg und nahm meine Hand, als ich ein Ultimatum stellte.

Dabei hatte er mich die Liebe seines Lebens genannt, wollte mit mir alt werden, eine Weltumsegelung machen. Doch das war zwei Tage vor der Jobzusage. Zwei Tage, in denen offenbar ein Mann sein Herz ändern kann. Ich führte die Beziehung für uns beide, neben dem Job, der neuen Stadt. Freunde mussten für etwas büßen, wofür sie nichts konnten und ich gab mein Leben auf, um das Unsrige zu spielen.

Jetzt sitze ich hier, an einem Sonntagabend ohne Tatort, ohne ihn und trinke Gin Tonic wie Wasser. Es ist Tag sieben und es ist auch der Tag an dem ich versucht habe mich bei ihm zu melden. Der Freundschaft wegen. Doch die WhatsApp-Nachricht kam nicht an, es gibt nur einen grauen Haken. Sein Handy ist aus. Er fickt also jemanden und ich habe wieder das Gefühl den dumpfen Schmerz als Messer am Arm spüren zu wollen. Wie früher, wenn sein Ego mit ihm durchging und ich Amen zu sagen hatte. Schließlich war es eine offene Beziehung. Nur gibt es einen feinen Unterschied zwischen dem Recht zu vögeln und dem Privileg dazu. Letzteres hat mit Vertrauen zu tun und für Ersteres braucht man keine Beziehung.

Vertrauen hatte ich schon lange nicht mehr. Er hatte es sich verspielt und dachte durch Vergessen und Zeit würde die Wunde heilen. Monate später hatte ich noch immer Albträume und jedes Summen des Handys zu unüblichen Uhrzeiten erinnerte mich daran. An seinen One-Night-Stand und daran, dass er frühere Freundinnen betrog.

Tag eins war der Tag des Trinkens, des Kiffens. Der Tag, an dem mich seine Spielpartnerin vom Bahnhof abholte und weinen ließ. Ein Glück hatte ich vor der Trennung bereits die Hälfte meiner Sachen heimlich gepackt. Wir packten aus, redeten. Abends kam ein guter Freund und ich machte drei Kreuze, als Mitternacht vorüber strich.

Tag zwei war der Tag, an dem ich Listen schrieb. Wie früher, wenn wir einen Streit hatten. Da schreien nie erlaubt war, kam ich mit konstruktiven Listen, um Lösungen zu schaffen, während er abblockte. Dieses Mal schrieb ich sie für mich: Dinge, die ich in der Beziehung vermisst habe, was ich in der Beziehung gelernt habe, warum ich wütend bin – und Dinge, die ich aus der Wohnung mitnehmen werde, ob es ihm passt oder nicht.

Schließlich hatte ich so lange an uns geglaubt, Beziehungsarbeit für zwei gemacht und auf die Hälfte meines Gehalts verzichtet, damit wir noch ein bisschen Zeit gemeinsam hatten vor dem Umzug. Ich hatte an der Beziehung gearbeitet, investiert, bis ich mich selbst darin verlor.

Joggen hilft, heißt es. Es war auch etwas, was ich irgendwann mit der Beziehung vergas zu tun. Nach 500 Metern kam mir bereits die Erkenntnis, dass ich nicht die Beziehung vermisse, sondern die Idee der Partnerschaft. Dass ich gut in einer Partnerschaft bin, wurde mir klar. Und dass ich geben kann, aber mich nie wieder aufgeben will.

An Tag sechs notierte ich in einer Erinnerung: Ich bin ziemlich unglücklich, verstehe noch nicht alles und bin eigentlich doch glücklich. Denn ich will mit niemandem zusammen sein, der mich nicht als Partner und Komplize sieht und nicht für mich kämpft. Und nach sechs Wochen Fernbeziehung aufgibt.

Es hat einen Grund, dass Trennungen schmerzhaft sind: Man findet auch Schuld in sich, dass man sich so lange so behandeln ließ.

Inzwischen hat er sich gemeldet. Es war keine Frau bei ihm, doch das lindert den Schmerz nicht.

Es ist aus.

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Published in Berlin Beziehung Dating

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