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Eifersucht ist keine Krankheit, sondern ein Geschenk

Als ich am Morgen durch meinen Facebook-Feed scrollte, sah ich es: Er hatte eine neue Freundin. Am Profilbild erkannte ich jene Frau, die er mir einmal auf einem Sexdating-Portal zeigte. Deshalb war er am Abend vorher nicht ans Telefon gegangen, wurde mir schlagartig bewusst. In seinem Badezimmer schlängelten sich nun braune Haare um die Borsten meiner Bürste. Diese Haarbürste hatte er erst gekauft, damit ich mich bei ihm zuhause fühlen würde. Jetzt wurde sie zum Symbol meiner Enttäuschung.

Es war keine Beziehung. Nicht im herkömmlichen Sinne. Doch die Frustration war real und die Eifersucht auf die Andere auch.

„Let jealousy be your teacher. Jealousy can show you the way to total self-realization“ heißt ist es in der Poly-Bibel „The Ethical Slut“. Die Autorinnen haben recht: Eifersucht ist kein Liebesbeweis, wie Frauen-Zeitschriften suggerieren. Es ist vielmehr ein Spiegel der eigenen Unsicherheiten. Ausdruck der Angst vor Zurückweisung oder auch Neid auf Abenteuer des Partners und die damit einhergehende Intimität. Plötzlich kann das persönliche Körperbild infrage gestellt werden genau wie die Beziehung zum Partner selbst. Vertrauen schwindet.

Es ist eine Gefahr, wenn Eifersucht zum irrationalen Schatten wird. Ein dunkler Fleck, größer als die eigenen Umrisse. Wenn aus diesem Impetus moralische Grenzen überschritten und zum Beispiel das Handy durchsucht wird.
Dort war ich schon.

Monogamie ist keine Heilung von dem nagenden Gefühl; und Eifersucht auch keine Krankheit. Kein Virus, der infiziert. Das wäre zu einfach.

Ein Mann, mit dem ich zu jener Zeit auch eine Beziehung führte, unterdrückte jedes Aufwallen von Eifersucht. Zwar sprachen wir offen und detailreich über Dates und die festen Menschen in unseren Leben, meine Berichte ließen ihn trotzdem nicht kalt. Bei ihm hatte ich jedoch niemals Eifersuchtsgefühle. Denn ich wusste: Diese Konstante, wir, bleibt stabil. Das Fundament war fest. “Wir müssen jeden gemeinsamen Moment einzigartig werden lassen”, sagte er. Dank dieses Anspruchs wurde unsere Beziehung intensiver und bedurfte keiner Vergleiche, keiner Superlative.

Der absolute Wunsch die Nummer eins sein zu wollen ist oft unrealistisch – vor allem in einer Welt, die nicht nur aus einer Beziehungsform besteht. Jede Beziehung ist ein Unikum, ergo nicht vergleichbar.

Schon Max Frisch sagte: „Eifersucht ist die Angst vor dem Vergleich.“

Heute weiß ich, dass ich eifersüchtig bin, wenn ich an der Verbindung mit meinem Partner zweifle – und an mir. Wenn die Beziehungs-Balance bereits gestört ist, erhält Eifersucht ein irrationales Gewicht auf der Waage; mein Selbst beginnt zu schwanken. Besitzdenken übernimmt das Steuer und navigiert in eine Sackgasse.

Die Autorinnen von „The Ethical Slut“ nennen es „sexuelle Territorialität“.

Uns wird gesellschaftlich eingeimpft, dass Sex mit anderen bedeute, dass sich der Partner entfernen würde. Angst davor verlassen zu werden ist das verzweifelte Resultat der damit einhergehenden Gedankenspiele. Das muss nicht passieren. Im Gegenteil, wenn ich nach Abenteuern in Glück schwebe, dann denke ich an meinen Partner. Fühle mich ihm näher und bin dankbar für die erlebte Freiheit. Mit extern aufgeladenen Akkus kann ich ihm wieder mehr geben – und will es auch.

Doch, wenn er datet wankt meine libertinistische Überzeugung, die zuvor so logisch im Kopf klang. Plötzlich fühlt sich die Beziehung nicht mehr sicher an. Irreale Angst entflammt nicht zu genügen, dass er sich von mir entferne, obwohl ich ihm Freiheit schenken möchte. Minuten verstreichen wie Stunden, die Weinflasche leert sich – bis zum alles erlösenden Anruf: „Sie ist gegangen.” Ich leide, weil die Konvention, die ich längst überwunden glaubte, noch tief sitzt. Leider.

„Sex ist nicht exklusiv“ ist die Poly-Devise eines Freundes. Dieses Extrem ist jedoch nicht für jeden.

Um der Eifersucht den Nährboden zu nehmen, darf es für mich persönlich keine Heimlichkeiten geben. Kommunikation ist der Schlüssel, so abgedroschen es klingen mag. Als Lebenspartner verlange ich Komplize zu sein. Andere Frauen haben mich und meine Beziehung zu respektieren – Punkt. Sicherheit muss ich dagegen in mir finden, nicht im Partner. Eifersucht trägt die Maske der eigenen Konflikte, meiner, nicht der anderen. Unsicherheiten auf den Partner zu projizieren führt an der Selbsterkenntnis vorbei.

Es gibt Wege, Mechanismen, die bei Eifersucht und vor ihrem Aufkeimen helfen.

Als Regel meiner offenen Beziehung habe ich eine Rückversicherung eingeführt, die besagt, dass mein Partner am Tag nach seinem Date ein Rendezvous für uns organisieren muss – und umgekehrt. So bleibt die Beziehungs-Balance ausgewogen. Vor allem, wenn Partnerschaft nach einer Weile aus viel Alltag besteht. Es ist mein Weg Wertschätzung aufrecht zu erhalten und an den einzigartigen Momenten zu zweit zu arbeiten. Kein Vergleich, lediglich gemeinsame, ungeteilte Zeit.

Eifersucht ist keine Krankheit, sondern das Geschenk an sich selbst zu arbeiten und an den eigenen Konflikten zu wachsen. Gegen Eifersucht gibt es keine Heilung, nur eine temporäre Impfung: Selbstvertrauen. Ein stabiles Selbstwertgefühl, das nicht auf sexueller Exklusivität oder Besitzdenken beruht.

Dann ist es möglich als Komplize mit einem Glas Wein in der Badewanne zu sitzen, über die Aufregung und auch Missgeschicke des vorigen Dates zu lachen, sich mit dem Partner zu freuen und anschließend ins Bett zu kuscheln. Gemeinsam, zusammen und mit dem Wissen: Wir haben diese Freiheit und lieben uns. Nicht trotzdem sondern deshalb.

Was in der Theorie einfach klingt, ist in der Praxis eine Herausforderung. Und sie bedarf Zeit, Geduld und Verständnis.

Und manchmal auch das Hilfswerkzeug seine Gefühle niederzuschreiben, damit sich niemals wieder braune Haare durch die Haarbürste schlängeln.

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Published in Beziehung Dating Fetlife Sex

One Comment

  1. […] Liebe sei eine Illusion, meinte mein Italiener, mit dem ich eine lange Casual-Beziehung pflegte, aber eine schöne Idee. Darin liegt Wahres. Wir projizieren unsere Wünsche und Hoffnungen in Beziehungen, in Personen und halten uns an diesen Phantasmen fest. Denn die Versprechung ist Balsam für das Tageslicht. Die Idee des Heiratens übertüncht unsere Risse im Fundament. Unsere Eifersucht, die wir nicht als Spiegel der eigenen Ängste anerkennen. […]

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